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Die unbequeme Wahrheit: Die Schweiz ist eines der verschwenderischsten Länder Europas

703 Kilo Abfall pro Person, 2.5 Erden nötig für unseren Lebensstil – warum Wiederverwenden wichtiger ist als Recycling.

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David Novotny

4. Februar 2025

Die unbequeme Wahrheit: Die Schweiz ist eines der verschwenderischsten Länder Europas

Wir Schweizer sind stolz auf unser Recycling. Die sauber getrennten Abfälle, die bunten Container für Glas, Papier und PET, die Kehrichtsäcke mit den teuren Gebührenmarken. Wir glauben, wir machen alles richtig.

Die Realität sieht anders aus. Die Schweiz gehört zu den grössten Abfallsündern Europas. Und unser vielgelobtes Recyclingsystem hat einen blinden Fleck, über den niemand gerne spricht.

Die Zahlen, die wehtun

703 Kilogramm. So viel Siedlungsabfall produziert jeder Schweizer pro Jahr. Das sind fast zwei Kilo pro Tag – jeden einzelnen Tag.

Damit liegen wir auf Platz drei in Europa, hinter Dänemark (766 kg) und Norwegen (739 kg). Der europäische Durchschnitt liegt bei 492 Kilogramm. Länder wie Rumänien kommen mit 271 Kilo aus – weniger als die Hälfte von dem, was wir wegwerfen.

Überfüllte Abfallcontainer
Überfüllte Abfallcontainer

Das Bundesamt für Umwelt erklärt es nüchtern: Es liegt am hohen Pro-Kopf-Einkommen und dem damit verbundenen umfangreichen Konsum. Mit anderen Worten: Wir kaufen mehr, also werfen wir mehr weg. Logisch, aber kein Grund zum Stolz.

2.5 Erden für die Schweiz

Es gibt eine Berechnung, die das Problem auf den Punkt bringt: Wenn alle Menschen auf der Welt so leben würden wie wir Schweizer, bräuchten wir 2.5 Erden.

Der Swiss Overshoot Day – der Tag, an dem die Schweiz ihre jährlichen natürlichen Ressourcen aufgebraucht hat – fiel 2025 auf den 7. Mai. Ab diesem Datum leben wir auf Pump, verbrauchen Ressourcen, die der Planet nicht mehr regenerieren kann.

Unser ökologischer Fussabdruck ist mehr als viermal so gross wie unsere eigene Biokapazität. 60 Prozent unserer Nahrungsmittel importieren wir. Wir sind abhängig von den Ressourcen anderer Länder, während wir gleichzeitig mehr wegwerfen als fast alle anderen.

Das Plastik-Problem: Europas Schlusslicht

Hier wird es richtig unangenehm. Die Schweiz hat mit 127 Kilogramm pro Person den höchsten Plastikverbrauch in Europa. Und was passiert mit diesem Plastik?

85 bis 90 Prozent werden verbrannt. Nicht recycelt. Verbrannt.

Wir rezyklieren weniger als 10 Prozent der 790'000 Tonnen Plastikabfälle, die jährlich anfallen. Deutschland, Spanien und Norwegen schaffen über 40 Prozent. Italien, Österreich und Grossbritannien liegen bei über 30 Prozent. Die Schweiz? 28 Prozent bei Verpackungen – und das ist noch die geschönte Zahl.

Die Umweltorganisation Oceancare nennt die Schweiz "Europas Schlusslicht" bei Massnahmen gegen Plastikmüll. Jedes Jahr landen 14'000 Tonnen Makro- und Mikroplastik in der Schweizer Umwelt. Im Genfersee schwimmen geschätzte 580 Tonnen Plastik.

Das ist nicht das Bild, das wir von uns selbst haben. Aber es ist die Realität.

Recycling allein reicht nicht

Hier kommt der entscheidende Punkt: Recycling ist nicht die Lösung. Es ist höchstens ein Teil davon – und nicht einmal der wichtigste.

Jeder Recyclingprozess verbraucht Energie. Material muss gesammelt, transportiert, sortiert, gereinigt und umgewandelt werden. Bei Plastik verliert das Material mit jedem Durchgang an Qualität. Selbst beim PET-Recycling – dem besten Verfahren, das wir haben – enthalten die Flaschen im Durchschnitt nur 17 Prozent recyceltes Material.

Recycling-Anlage mit sortierten Materialien
Recycling-Anlage mit sortierten Materialien

Die Abfallhierarchie ist eigentlich klar:

  1. Vermeiden – gar keinen Abfall produzieren
  2. Wiederverwenden – Dinge weitergeben und weiternutzen
  3. Recyceln – erst wenn Vermeiden und Wiederverwenden nicht möglich sind
  4. Verbrennen – als letzte Option

In der Praxis überspringen wir oft die ersten beiden Schritte und gehen direkt zu Recycling oder Verbrennung. Das ist bequem, aber nicht nachhaltig.

Warum Wiederverwenden besser ist

Die Rechnung ist einfach: Wenn ein Gegenstand weiterverwendet wird, muss kein neuer produziert werden. Keine Rohstoffe, keine Produktionsenergie, kein Transport aus China.

Ein paar Beispiele:

  • Secondhand-Smartphone: spart 48 kg CO2 pro Gerät
  • Mehrwegflasche: bereits ab der zweiten Verwendung umweltfreundlicher als Einweg
  • Gebrauchte Möbel: vermeiden die gesamte Produktionskette – Holzgewinnung, Verarbeitung, Verpackung, Versand

Studien zeigen: Direktes Wiederverwenden ist fast immer energieeffizienter als Recycling. Das Produkt behält seine Qualität, es braucht keine Aufbereitung, und es entstehen keine Qualitätsverluste wie beim Material-Recycling.

Food Waste: Das vergessene Problem

Neben dem klassischen Abfall gibt es noch ein anderes Thema, das oft übersehen wird: Lebensmittelverschwendung.

Die Schweiz wirft jährlich 2.8 Millionen Tonnen Lebensmittel weg. Das sind 330 Kilogramm pro Person. Davon wären zwei Drittel zum Zeitpunkt des Wegwerfens noch essbar gewesen.

Der finanzielle Schaden: 620 Franken pro Person und Jahr, die im Müll landen.

Der Umweltschaden: Diese Verschwendung verursacht etwa ein Viertel der Treibhausgase, die durch unsere Ernährung entstehen. Wir verschwenden mehr als ein Drittel aller produzierten Lebensmittel – und mit ihnen das Wasser, die Energie und die Arbeit, die in ihre Herstellung geflossen sind.

Was das mit PIKITUP zu tun hat

Ich schreibe das nicht, um zu moralisieren. Ich schreibe es, weil ich glaube, dass es besser geht – und dass es gar nicht so schwer ist.

Das Konzept von PIKITUP basiert genau auf dieser Idee: Dinge, die jemand nicht mehr braucht, an jemanden weitergeben, der sie gebrauchen kann. Kein Recycling, kein Downcycling, kein Verbrennen. Einfach weiterverwenden.

Menschen bei einer Tauschbörse
Menschen bei einer Tauschbörse

Wenn du ein Regal nicht mehr willst und jemand anderes es abholt, passiert Folgendes:

  • Du musst nicht zur Entsorgung fahren
  • Die andere Person kauft kein neues Regal
  • Ein Regal weniger wird produziert
  • Es landet nichts im Abfall

Das ist keine Revolution. Das ist gesunder Menschenverstand, den wir irgendwo auf dem Weg zum Wohlstand vergessen haben.

Kleine Schritte, grosse Wirkung

Niemand verlangt, dass du ab morgen Zero Waste lebst. Aber ein paar Gewohnheiten machen einen Unterschied:

Vor dem Kaufen:

  • Brauche ich das wirklich?
  • Gibt es das gebraucht?
  • Kann ich es ausleihen statt kaufen?

Vor dem Wegwerfen:

  • Ist es wirklich kaputt oder nur alt?
  • Könnte jemand anderes das brauchen?
  • Kann ich es verschenken statt entsorgen?

Die Strassenrand-Kultur in Zürich zeigt, dass viele Menschen das bereits verstanden haben. Ein Stuhl vor der Haustür mit dem Schild "Gratis" ist ein kleiner Akt der Nachhaltigkeit – praktischer und wirkungsvoller als jedes Recyclingsymbol.

Die Schweiz kann mehr

Wir haben die Mittel, die Infrastruktur und das Bewusstsein. Was fehlt, ist manchmal nur die Bequemlichkeit. Es muss einfacher sein, Dinge weiterzugeben, als sie wegzuwerfen.

Genau daran arbeiten wir mit PIKITUP. Eine Karte, die zeigt, was in deiner Nähe verschenkt wird. Kein Aufwand, kein Verkaufsgedöns, kein schlechtes Gewissen.

Die Schweiz ist eines der verschwenderischsten Länder Europas. Aber das muss nicht so bleiben. Und es fängt bei jedem Einzelnen an – mit jedem Gegenstand, der weiterverwendet statt weggeworfen wird.


Quellen: Swiss Recycle, BAFU, Eurostat, Oceancare, Global Footprint Network, WWF Schweiz. Willst du mehr über nachhaltige Alternativen erfahren? Schreib mir an hello@pikitup.ch.

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