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Gratis zum Mitnehmen – die Zürcher Strassenrand-Kultur

Warum Zürcherinnen und Zürcher ihre Sachen vor die Haustür stellen, was erlaubt ist und wie diese Tradition die Stadt prägt.

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David Novotny

4. Februar 2025

Gratis zum Mitnehmen – die Zürcher Strassenrand-Kultur

Wer durch Zürcher Quartiere spaziert, kennt das Bild: Ein Stuhl am Strassenrand, ein Regal vor der Haustür, ein Karton mit Büchern – und dazu ein handgeschriebener Zettel: "Gratis zum Mitnehmen". Was für Touristen vielleicht seltsam aussieht, gehört für uns Zürcher zum Alltag.

Diese Strassenrand-Kultur ist mehr als nur praktische Müllvermeidung. Sie ist ein Stück Zürcher Lebensart, das Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und schweizerischen Pragmatismus verbindet.

Woher kommt diese Tradition?

Zürich war schon immer eine Stadt der Pragmatiker. Warum etwas wegwerfen, das noch brauchbar ist? Warum zur Entsorgung fahren, wenn jemand in der Nachbarschaft genau das sucht?

Die Tradition reicht weit zurück, aber in den letzten Jahren hat sie sich verändert. Früher brachte man Sachen ins Brockenhaus oder verschenkte sie an Bekannte. Heute steht vieles einfach draussen – ein stummer Aufruf an alle Passanten: Nimm mit, wenn du es gebrauchen kannst.

Gemütliche Strasse in einem Zürcher Quartier
Gemütliche Strasse in einem Zürcher Quartier

Ich glaube, Social Media hat das verstärkt. Über Facebook-Gruppen wie die verschiedenen "Verschenkkreise" haben sich Menschen daran gewöhnt, Dinge einfach weiterzugeben. Der Schritt von der Online-Gruppe zur Haustür war dann nicht mehr weit.

Was man so findet – und was nicht

Die klassischen Strassenrand-Funde sind Möbel. Stühle, Regale, kleine Tische, manchmal sogar Sofas. In Wiedikon, Aussersihl und im Kreis 4 sehe ich das praktisch wöchentlich. Zürich hat so viele Möbel auf der Strasse stehen, dass sich manche fragen: Ist das Kunst oder kann das weg?

Aber es sind nicht nur Möbel. Ich habe schon gefunden:

  • Bücherkisten (vor allem beim Semesterende)
  • Küchenutensilien und Geschirr
  • Pflanzen und Blumentöpfe
  • Spielzeug und Kindersachen
  • Elektronik (Vorsicht, dazu später mehr)
  • Sportgeräte
  • Kleidung in Tüten

Was man seltener findet: Wirklich hochwertige Stücke. Die gehen meistens an Brockenhäuser oder werden online verschenkt. Am Strassenrand landet eher das, was schnell weg muss – Umzug am Wochenende, Frist läuft ab, keine Zeit für Inserate.

Die rechtliche Seite – wichtig zu wissen

Jetzt wirds ernst. Denn: Nicht alles, was man sieht, ist legal.

Die Stadt Zürich – genauer: Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ) – hat klare Regeln. Abfall auf öffentlichem Grund stehen zu lassen ist verboten. Das gilt für Möbel, Geräte, Metall- und Kunststoffsachen.

Aber – und das ist der wichtige Teil – ERZ toleriert, wenn einwandfreie, funktionstüchtige Gegenstände vor dem Hauseingang zum Mitnehmen angeboten werden. Die Bedingungen:

  1. Die Sachen müssen einwandfrei und funktionstüchtig sein
  2. Sie müssen am Tag (nicht nachts) draussen stehen
  3. Sie müssen vor dem eigenen Hauseingang stehen
  4. Sie dürfen den Gehweg nicht versperren
  5. Sie müssen abends wieder reingenommen werden, wenn niemand sie nimmt

Das letzte Punkt wird oft vergessen. Wer Sachen über Nacht draussen stehen lässt, riskiert eine Busse. Die Stadt sieht das als illegale Abfallentsorgung.

Zürcher Quartierstrasse bei Tageslicht
Zürcher Quartierstrasse bei Tageslicht

Übrigens: Jeder Stadtzürcher Haushalt erhält pro Jahr einen Gutschein für die Gratisentsorgung von bis zu 400 Kilogramm Sperrgut. Und das Cargo-Tram fährt zehn- bis zwölfmal pro Jahr verschiedene Haltestellen an, wo man kostenlos entsorgen kann. Wer also Sachen hat, die wirklich niemand mehr will, hat legale Optionen.

Wo in Zürich sich die Suche lohnt

Nicht alle Quartiere sind gleich. Das hat mit der Bevölkerungsstruktur zu tun, aber auch mit der Kultur im Quartier.

Kreis 4 und 5: Hier ist ständig Bewegung. Junge Leute, WGs, Studenten – da wird oft ein- und ausgezogen. Entsprechend viel liegt herum. Die Qualität ist durchwachsen, aber die Menge stimmt.

Wiedikon und Aussersihl: Meine persönlichen Favoriten. Hier mischen sich verschiedene Lebensstile, und die Strassenrand-Kultur ist etabliert. Die Leute rechnen damit, dass ihre Sachen abgeholt werden.

Altstetten, Schwamendingen, Affoltern: Die Übergangsquartiere. Hier wohnen Familien und ältere Leute, die umziehen oder verkleinern. Die Möbel sind oft robuster und weniger IKEA-lastig.

Enge, Seefeld, Hottingen: Weniger Strassenrand-Kultur. Die Leute hier nutzen eher Online-Plattformen oder spenden direkt an Brockenhäuser. Wenn doch mal was draussen steht, ist die Konkurrenz gross.

Die digitale Ergänzung

Parallel zur Strassenrand-Kultur hat sich in der Schweiz ein ganzes Ökosystem an Verschenk-Plattformen entwickelt.

Die Facebook-Gruppen – "Verschenkkreis Zürich" und ähnliche – haben teils über 500 Mitglieder pro Region. Das Prinzip ist einfach: Foto posten, abholen lassen, fertig. Laut Beobachtern kann das eine neue Form der Nachbarschaftshilfe sein, besonders in einer Zeit zunehmender Anonymität in der Stadt.

Dann gibt es Plattformen wie nimms.ch, die sich komplett auf Gratis-Artikel spezialisiert haben. Über 2000 Angebote allein in der Kategorie "Haushalt", von Möbeln bis Dekoration. Praktisch, wenn man gezielt etwas sucht.

Und natürlich PIKITUP, wo wir versuchen, das Ganze noch einfacher zu machen – mit einer Karte, die dir zeigt, was gerade in deiner Nähe verfügbar ist.

Warum das wichtiger wird

Die Schweiz hat 2025 die Kreislaufwirtschaft explizit ins Umweltschutzgesetz aufgenommen. Ressourcenschonung, längere Produktlebenszyklen, Wiederverwenden statt Wegwerfen – das sind jetzt offizielle Ziele.

Auch der Kanton Zürich hat eine Kreislaufwirtschaftsstrategie verabschiedet, die schrittweise umgesetzt wird. Die Politik hat erkannt, was viele Zürcher schon lange praktizieren: Es macht keinen Sinn, brauchbare Dinge zu vernichten.

Die Zahlen sprechen dafür: 55 Prozent der Schweizer Konsumenten planen, im Laufe des Jahres etwas zu mieten oder zu teilen, statt neu zu kaufen. Die Sharing Economy ist kein Trend mehr – sie ist Mainstream.

Secondhand-Möbel in einer Zürcher Wohnung
Secondhand-Möbel in einer Zürcher Wohnung

In diesem Kontext ist die Strassenrand-Kultur mehr als eine Tradition. Sie ist eine Form von Bürgerbeteiligung an der Kreislaufwirtschaft – spontan, unkompliziert, ohne Bürokratie.

Tipps für Finder und Geber

Wenn du Sachen suchst:

  • Timing ist alles: Monatsende, wenn viele umziehen. Semesterende, wenn Studenten gehen. Samstag und Sonntag Vormittag, wenn die Leute Zeit haben.
  • Nach Regen meiden: Polstermöbel, die eine Nacht draussen waren, sind oft ruiniert.
  • Elektronik prüfen: Ein Gratis-Toaster klingt gut, aber teste ihn, bevor du ihn anschliesst.
  • Matratzen meiden: Ernsthaft. Tu es nicht.

Wenn du Sachen gibst:

  • Nur Brauchbares: Kaputte Sachen gehören zur Entsorgung, nicht auf den Gehweg.
  • Tagsüber raustellen: Morgens ist ideal, dann haben die Leute den ganzen Tag Zeit.
  • Abends wieder reinnehmen: Wenn niemand es will, ist es dein Problem, nicht das der Stadt.
  • Witterung beachten: Stelle nichts raus, wenn Regen angesagt ist.
  • Deutlich beschriften: "Gratis", "Zu verschenken", "Bitte mitnehmen" – je klarer, desto besser.

Eine Frage der Gemeinschaft

Was mir an dieser Kultur gefällt: Sie basiert auf Vertrauen. Vertrauen, dass jemand die Sachen abholt. Vertrauen, dass sie brauchbar sind. Vertrauen, dass die Nachbarn das akzeptieren.

In einer Stadt, die oft als kühl und anonym gilt, sind diese kleinen Akte der Grosszügigkeit ein Gegengewicht. Keine grosse Sache, kein aufwendiges System – einfach ein Stuhl am Strassenrand und die Hoffnung, dass er jemandem nützt.

Das ist sehr zürcherisch, wenn du mich fragst. Pragmatisch, unaufgeregt, aber letztlich gemeinschaftlich.


Hast du schöne Strassenrand-Funde gemacht oder gute Tipps für bestimmte Quartiere? Schreib mir an hello@pikitup.ch – ich aktualisiere den Artikel gerne.

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